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Die moderne Landwirtschaft - kein Platz für Ursprünglichkeit

90% unseres Bedarfs an pflanzlichen Nahungsmitteln werden von 20 Arten gedeckt (siehe: weltagrarbericht.de - Agrarökologie, zuletzt zugegriffen am 3.5.2014). Aus Profitgier und mangelndem Respekt gegenüber der schier unendlichen Artenvielfalt, die unsere Natur zu bieten hat, treiben heute wir einen massiven Artenschwund voran. Wir richten unsere Landwirtschaft nach den Bedürfnissen der Nahrungsmittelindustrie und des Großhandels anstatt die Entwicklung unserer Nutzpflanzen an die Bedürfnisse der Menschen anzupassen, wie dies von Bauern jahrhundertelang getan wurde. Die Optik steht nun im Vordergrund - Form und Farbe sollen Konsumentinnen und Konsumenten vom Kauf überzeugen und zudem praktikabel für Transport und Verpackung sein. Vielfalt, Geschmack und Inhaltsstoffe spielen eine zunehmend untergeordnete Rolle.

Unsere Landwirtschaft basiert heute auf der Verwendung sogenannter Hybridpflanzen. Diese entstehen durch die Kreuzung zweier Inzuchtlinien, das heißt, durch die Kreuzung zweier Populationen bestimmter Ausgangssorten mit wünschenswerten Eigenschaften, die über mehrere Generationen hinweg nur von sich selbst bestäubt wurden.

Hybridpflanzen haben einen ganz entscheidenden Nachteil: Sie sind zwar aufgrund des sogenannten Heterosiseffekts sehr ertragreich, ihre Nachkommen allerdings umso leistungsschwächer. Das heißt, dass ein Landwirt jedes Jahr neues Hybridsaatgut zukaufen muss und sich somit von Agrarkonzernen, die das entsprechende Saatgut verkaufen, abhängig macht. Da sich Hybridpflanzen in der Landwirtschaft längst als Standard etabliert haben, sehen sich immer mehr Bauern gezwungen, ebenfalls auf den Zug aufzuspringen. Die Vorgaben des Handels erschweren zudem den Anbau samenfester Sorten (also jener Sorten, die sich durch erneute Aussaat vermehren lassen und dabei ihre Eigenschaften behalten), denn die Vorgaben der Industrie hinsichtlich Form, Farbe und Haltbarkeit ("long shelf life") sind mit ihnen kaum zu erfüllen.

Dass uns diese Entwicklung noch teuer zu stehen kommen könnte, gibt Clemens G. Arvay, Autor des Buches "Hilfe, unser Essen wird normiert - Wie uns EU-Bürokraten und Industrie vorschreiben, was wir anbauen und essen sollen" (Redline Verlag, ISBN: 978-3-86881-522-1) zu bedenken. Er argumentiert, dass durch drohende Ressourcenknappheit und Klimawandel - unabhängig davon ob dieser von Menschenhand oder von natürlichen Faktoren vorangetrieben wird - vermehrt Hungersnöte ausbrechen könnten, wenn wir uns von unserer Abhängigkeit von Hybridpflanzen nicht lösen können. Konkret besteht das Problem darin, dass dasselbe Hybridsaatgut weltweit ohne Rücksicht auf klimatische Bedingungen oder andere regionale Besonderheiten verwendet wird. Während samenfeste Sorten über Jahrhunderte hinweg in ständiger Wechselbeziehung zu ihrer Umwelt standen und sich infolgedessen immer wieder an Klimaveränderungen anpassen konnten oder beispielsweise Resistenzen gegen Schädlinge entwickelten, die an ihrem Standort vermehrt vorkamen, haben Hybridpflanzen diese Möglichkeit nicht. Sie können sich nicht weiterentwickeln, da ihre Samen - wie bereits erwähnt - wertlos sind und nicht mehr ausgesät werden. Um dennoch zu gewährleisten, dass das Hybridsaatgut Ertrag bringt, müssen künstlich ideale Bedingungen geschaffen werden. Dementsprechend ressourcenintensiv und chemikalienabhängig ist der Anbau von Hybridpflanzen und dementsprechend problematisch kann es werden, wenn uns die benötigten Ressourcen nicht mehr in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen.

Tatsächlich produzieren Agrarkonzerne wie zum Beispiel Monsanto nicht nur Hybridsaatgut sondern gleichzeitig auch die dazu passenden Chemikalien wie etwa Düngemittel, Pestizide und Pflanzenstärkungsmittel. In modernen Gewächshäusern werden u.a. diese Stoffe computergesteuert in ein Substrat gepumpt, aus dem die Pflanzen wachsen - völlig ohne Erde. Solch hochtechnisierte Anlagen erinnern in Wirklichkeit eher an Labore als an bäuerliche Idylle.

Die Frage, wer denn tatsächlich für diese Entwicklung verantwortlich ist, ob der Konsument oder die Industrie standardisiertes und möglichst makelloses Obst und Gemüse verlangt, erinnert an die Frage von der Henne und dem Ei. Was war zuerst da? Der Wunsch der Industrie nach Obst und Gemüse, das sich möglichst leicht transportieren und verpacken lässt und während Transport und Lagerung im Großhandel und schließlich in den Supermärkten haltbar bleibt oder die Nachfrage der Konsumentinnen und Konsumenten? Fest steht jedenfalls, dass der Handel zur Beantwortung dieser Frage zunächst Alternativen anbieten müsste.

Mit Bio-Produkten alleine ist es nicht getan, denn auch Obst und Gemüse aus ökologischem Anbau unterliegt strengen von den Handelsketten vorgegebenen "Qualitäts"kriterien, wobei die Anführungszeichen signalisieren sollen, dass Faktoren wie Uniformität, Größe, Gewicht etc. nur vorgeblich etwas über Güte aussagen. Folglich müssen auch Biobauern auf in der ökologischen Landwirtschaft zugelassene Spritzmittel zurückgreifen, ansonsten könnten ihre Produkte den Vorgaben der Handelsketten nicht genügen. So können Fungizide u.a. Apfelschorf bekämpfen, eine Pilzerkrankung, die zwar optisch auf Früchten nicht gut aussieht, diese aber sicherlich nicht ungenießbar macht. Spritzmitel, denen auch im biologischen Landbau große Bedeutung zukommen, basieren beispielsweise auf Schwefel, das in der EU als "reizend" eingestuft ist (siehe z.B. Sicherheitsdatenblatt zu "Microthiol WG") oder auf Kupferhydroxid, eingestuft als "gesundheitsschädlich" (siehe z.B. Sicherheitsdatenblatt zu "Funguran progress", das noch dazu die Gefahrenbezeichnung "umweltschädlich" trägt). Beide Produkte sind in der Bio-Landwirtschaft zugelassen (siehe hierzu: Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit: Zugelassene Pflanzenschutzmittel – Auswahl für den ökologischen Landbau). Die Produkte stammen von denselben Herstellern, die auch entsprechende Mittel für die konventionelle Landwirtschaft verkaufen.

Sollte TTIP, das geplante Freihandelskommen mit den USA, tatsächlich beschlossen werden, so besteht die Gefahr, dass unsere europäischen Standards bzgl. Gentechnik und Einsatz von Chemikalien nach unten geschraubt werden könnten. Tatsächlich steht europäischen Bauern zur Zeit nur rund die Hälfte aller in den USA zugelassenen Pflanzenschutzmittel zur Verfügung (siehe dazu: WDR "markt" vom 31.3.2014, zuletzt zugegriffen am 3.5.2014). So sind beispielsweise Neonicotinoide, eine Gruppe von Insektiziden, die für das beobachtete Bienensterben verantwortlich gemacht wird, in der EU streng reguliert und z.T. verboten - nicht so in den USA. Vor der EU-Wahl am 25. Mai können Sie hier über die Positionen der im österreichischen Nationalrat bzw. im deutschen Bundestag vertretenen Fraktionen zu TTIP informieren.

Seite zuletzt bearbeitet am: 03.05.2014 19:59:30


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